Montag, 31. Oktober 2011

Engel der Toten

Es war der Abend vor Halloween und man konnte schon die Magie und den Tod in der Atmosphäre spüren. Stella kam gerade von der Schule und freute sich auf das Halloween-Wochenende, als ihr auf dem Heimweg plötzlich einige komische Leute begegneten. Sie bewegten sich sehr langsam in einer Gruppe, aber schienen auch nicht unbedingt zusammen zu gehören. Jeder kümmerte sich anscheinend nur um seine Angelegenheiten. Es war also keine Touristengruppe, obwohl sie fremd in dieser Stadt zu sein schienen. Doch Stella nahm nur kurz Notiz von ihnen und machte sich schon Gedanken, wie wohl die Party werden würde, die sie und ihre Freunde für die Halloween-Nacht geplant hatten.
"Hallo Schatz!", begrüßte ihre Mutter sie, als Stella zur Tür hereinkam. "Und schon in Gruselstimmung?"
"Ja! Warst du heute schon in der Stadt?"
"Ja, warum fragst du?"
"Ich habe auf dem Heimweg so komische Gestalten gesehen. Erst dachte ich, es wäre eine Touristengruppe, aber sie haben sich irgendwie komisch verhalten."
"Die sind mir auch schon aufgefallen. Vielleicht haben die ja nur schon für Halloween geprobt?"
"Was soll man denn dafür proben?"
"Na, vielleicht wollen die etwas aufführen?"
"Also mir waren die gar nicht geheuer!"
"Ist das nicht auch der Sinn der Sache? Und jetzt komm, hilf mir, das Haus fertig zu dekorieren!"
Sie stellten Kürbisse vor die Tür, hängten Skelette an die Fenster und verteilten schwarze und orange Luftschlangen im Wohnzimmer. Außerdem stellte Stellas Mutter noch ein paar Kerzen zur Dekoration und bereitete in der Küche eine Schüssel mit Süßigkeiten für die Kinder vor, die morgen an der Tür klingeln und "Trick or Treat" rufen würden, vor. Gleichzeitig checkte sie dabei auch, ob sie überhaupt genug eingekauft hatte.
"Stella, was meinst du, ob das für die Kinder in der Nachbarschaft genügt?"
"Du hast doch sonst immer noch etwas in der Hinterhand! Oder hast du dieses Jahr weniger eingekauft als sonst?"
"Es sieht so aus! Ich sollte besser noch ein bisschen Nachschub besorgen morgen früh! Wann hast du dich mit deinen Freunden verabredet?"
"Wir wollen morgen abend um sechs Uhr losziehen! Später feiern wir dann noch eine Weile bei Marnie, ihre Eltern sind nicht zu Hause!"
"Okay! Aber sei spätestens um elf wieder zu Hause!"
"So früh? Es ist doch Wochenende, Mom!"
"Trotzdem bist du erst 15, junge Dame! Und da ist elf Uhr schon ziemlich spät!"
"Also gut! Aber wenn du morgen früh sowieso noch mal in die Stadt fährst, kannst du mir einen Hexenbesen mitbringen?"
"Gehst du als Hexe?"
"Ja! Ein Kostüm hab ich schon, aber ein Besen dazu wäre das Tüpfelchen auf dem i!"
"Okay, ich werde mal sehen, ob ich noch einen finden kann, so kurz vor dem Fest!"

Am nächsten Tag hatte ihre Mutter tatsächlich noch einen Besen in der Stadt bekommen und als Stella sich gegen abend im Spiegel betrachtete war ihr Kostüm perfekt. Um punkt sechs Uhr klingelte es an der Tür. Ihre Freunde holten sie ab, um durch die Straßen zu ziehen und um Süßigkeiten zu betteln.
Die Ausbeute war gar nicht schlecht! Nach gut zwei Stunden waren sie bei Marnie und begutachteten ihre Ausbeute, wobei sie sich einen Horrorfilm im Fernsehen anschauten. Die Freunde amüsierten und gruselten sich richtig schön an diesem Abend und alle waren der Meinung, dass der Halloweenabend wirklich gelungen war.
Um kurz vor elf machte Stella sich mit ihrer Beute auf den Heimweg. Plötzlich stand ein ganz in schwarz gekleideter Mann vor Stella.
"Wen stellst du denn dar?"
"Niemanden. Ich bin der Engel der Toten!" Doch als er sah, dass Stella ihm nicht glaubte, fuhr er fort. "Hab keine Angst, Stella!"
"Woher kennst du meinen Namen und wer bist du?"
"Ich bin der Engel der Toten!", wiederholte er. "Ich kenne alle Menschen, denn irgendwann werden sie alle in mein Reich kommen, wo sie darauf warten einmal im Jahr alle auf die Erde zu gehen bis ihre Angehörigen verstorben sind und sie letztendlich wiedergeboren werden."
"Aber das kann doch gar nicht sein! Wenn man tot ist, ist man tot. Dann kann man nicht einfach so wieder zur Erde zurückkehren!"
"Es ist den Toten einmal im Jahr erlaubt, ein Auge auf ihre Verwandten zu werfen. Jedes Jahr zu Halloween kehren sie zurück unter meiner Aufsicht!"
"Dann waren die Menschen, die ich gestern und auch heute schon den ganzen Tag in der Stadt gesehen habe, auch tot?" Stella bekam es jetzt richtig mit der Angst zu tun. Einem Zombie wollte sie nicht über den Weg laufen.
"Fürchte dich nicht, kleine Stella! Denn auch du sollst heute deine liebe Großmutter wiedersehen!" Plötzlich tauchte eine ältere Dame hinter dem Engel der Toten auf.
"Grandma!" Stella war geschockt. War ihre Großmutter nicht erst im letzten Jahr verstorben? Wie konnte es sein, dass sie nun hier vor ihr stand?
"Hab keine Angst mein Kind!"
"Grandma! Ich dachte, du wärst tot?"
"Das bin ich auch, Stella. Dieser Engel hat mir erlaubt, dich heute zu besuchen um zu sehen, wie es dir geht. Und ich muss sagen, du hast dich prächtig entwickelt im letzten Jahr!"
Stella liefen Tränen über die Wangen, so gerührt war sie. "Ich ... Geht es dir gut, Grandma?"
"Natürlich, Stella! Es ist sehr schön dort, wo ich jetzt bin, aber bis wir wieder zusammen sind, werden noch viele Jahre vergehen, darum will ich dir nichts darüber erzählen! Aber ich werde immer ein Auge auf euch haben! Und nun, geh nach Hause und sag deiner Mutter einen lieben Gruß von mir!"
"Aber ... das wird sie mir niemals glauben!"
"Oh doch, das wird sie!" Und mit diesen Worten verschwand ihre Großmutter wieder im Land der Toten. Der Engel schaute Stella noch einmal prüfend an, bevor auch er ihrer Großmutter folgte.

"Wird es ihr gut gehen?", fragte Stellas Großmutter den Engel.
"Ja, das wird es. Im nächsten Jahr kannst du sie wiedersehen, wenn du möchtest!"


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