Dienstag, 18. Oktober 2011

Die Vampirhexe - Teil 1

Neu an der Schule

Ich kam gerade von der Jagd zurück. Dieses Exemplar hatte ich schon lange beobachtet. Bereits als ich ihn das erste Mal sah wusste ich, da war irgendwas. Ich konnte es riechen. Und doch wollte ich abwarten um ganz sicher zu gehen. Zwar waren Männer mein Steckenpferd aber Unschuldige wollte und durfte ich einfach nicht ins Visier nehmen. Also wartete ich lieber ab, bis ich mir ganz sicher sein konnte, dass mein Opfer wirklich das war, wofür er sich selbst hielt. Ich brauchte Beweise und die hatte ich heute bekommen.
Wie überrascht er war, als er nicht sein eigentliches Zielobjekt fand, sondern mich stattdessen erblickte. Was er wohl gedacht hat? Ich wusste es und genau das war der Grund, warum ich dann zugebissen hatte. Er war mir gegenüber nicht abgeneigter als seinem eigentlichen Opfer. Im Gegenteil, er war sogar freudig erregt. Das hatte ich in seinem Blut gerochen.

Als ich nach Hause kam war meine Familie noch unterwegs und ich machte mir etwas zu Essen. So eine Jagd machte mich immer besonders hungrig. Ich briet mir ein paar Eier und aß sie mit einer Scheibe Toast am großen Küchentisch. Das meine Familie nach Hause kam, hatte ich gar nicht bemerkt, denn in Gedanken war ich noch immer mit meinem letzten Opfer und dem Bouquet seines Blutes beschäftigt.
"Hast du ihn endlich erwischt?"
"Hm?" Verwirrt blickte ich auf. "Oh, ja", antwortete ich und ein zufriedenes Lächeln legte sich auf mein Gesicht.
"Anscheinend hat es sich gelohnt!?" Auch mein Bruder musste jetzt grinsen.
"Ja, es war ein bittersüßes Vergnügen." Ich sprach selten über meine Opfer, wenn etwas bereits erledigt war. Aber ich genoss gern noch eine ganze Weile den Geschmack seines Blutes, bevor ich mich wieder anderen Dingen widmete.

Der erste Tag an einer neuen Schule ist immer wieder eine Tortur. Wie jedes Mal saß ich mittags allein an einem Tisch in der Cafeteria. Auch meine Geschwister, die alle schon länger an dieser Schule waren, ließen mir hier meinen Freiraum. Doch zur Sicherheit setzten sie sich an einen Tisch in meiner Nähe.
Offiziell hatte ich im letzten Jahr ein freiwilliges Schuljahr in Argentinien verbracht. Meine guten Spanischkenntnisse waren mir dabei von großem Vorteil. Aber in Wahrheit war ich auf der Jagd.
Ich versuchte, mich auf meinen Papierkram zu konzentrieren, der jedes Mal an einer neuen Schule anfiel. Das half mir, alles andere einigermaßen auszublenden. Ich wollte noch nicht wissen, was die Jungs an dieser Schule dachten, welche Gefühle sie hatten oder auf was sie hinaus waren. Meine persönliche Hölle würde hier noch früh genug wieder beginnen. Manchmal fragte ich mich, ob ich dieses Leben wirklich verdiente, andererseits hatte ich mittlerweile wahrscheinlich genug Fehler begangen um direkt zur Hölle zu fahren. Ich hatte keine Angst mehr vor diesem Leben, nur davor, dass ich mich nicht unter Kontrolle halten konnte. Aber im Großen und Ganzen hatte ich mich mit meinem Leben so gut es ging abgefunden.
"Hey! Du bist Lily Weensley, oder? Ich bin Rick! Rick Myers. Darf ich mich zu dir setzen?"
Zu meinem großen Glück klingelte es in diesem Moment. Ich war zwar erst vor kurzem auf der Jagd gewesen, trotzdem legte ich keinen Wert auf Gesellschaft. Schon gar nicht auf männliche Gesellschaft.
"Ähm, ... entschuldige, ich muss zu Spanisch", antwortete ich kurz angebunden, schnappte meine Sachen und lief zum Unterricht.
Spanisch. Eigentlich langweilig, denn mein Spanisch war perfekt. Doch ich versuchte mich zurückzuhalten, einfach nur, um nicht aufzufallen.
Neben mir saß ein Mädchen, ich hatte keine Ahnung, wie ihr Name war, das mich die ganze Zeit anstarrte und ich fragte mich, ob sie wohl Angst vor mir hatte oder nur zu schüchtern war, um mich anzusprechen. Aber vielleicht wusste sie auch einfach nicht, was sie sagen sollte. Schnell blickte ich wieder nach vorn damit wir uns nicht gegenseitig anstarrten. Ich hatte derzeit eigentlich keinen Bedarf an Freundschaften.

"Lily!" Bree erwartete uns nach der Schule schon ungeduldig in der Küche und begrüßte uns wie eine richtige Mutter. "Wie war dein erster Schultag?"
"Es war ganz okay. Viel Papierkram!" Während wir uns unterhielten machte ich mir etwas zu Essen.
"Hast du nette Klassenkameraden?"
"Alle Jungs stehen total auf sie", mischte Nick sich ein. Ich warf ihm einen warnenden Blick zu, denn das war genau das Thema womit ich mich am wenigsten beschäftigen wollte. "Hey! Was kann ich denn dafür, dass dich alle Jungs an der Schule so hübsch und anziehend finden, dass sie sich nicht einmal trauen, dich anzusprechen!"
Während ich mich schweigend mit meinem Essen an den Küchentisch setzte, versuchte Bree die Situation zu entspannen.
"Das ist doch alles erst mal nicht so wichtig! Hauptsache es läuft ganz gut und du kommst in der Schule klar!"
"Bis jetzt verlief alles noch relativ entspannt. Aber ich war auch ziemlich mit dem ganzen Papierkram beschäftigt."
Nach dem Essen ging ich in mein Zimmer um mit den Hausaufgaben anzufangen. Ich breitete sämtliche Aufgaben auf meinem Bett aus und überlegte mir, wie ich da am besten heran ging. Anna schaute nach einer Weile bei mir vorbei.
"Alles okay?"
Ich deutete auf den Papierhaufen auf meinem Bett. Ich glaube, für jeden Zettel, den ich heute abgegeben habe, habe ich mindestens zwei wiederbekommen!"
Anna setzte sich zu mir. "Hm. Normalerweise brauchst du nicht alles an einem Tag erledigen. Vieles kannst du bis zum Wochenende aufschieben, dadurch bleibt dir jeden Tag mehr Zeit. Klar, musst du dann am Wochenende auch einige Aufgaben erledigen, aber es ist, glaube ich, entspannter."
"Hast du deine Hausaufgaben schon erledigt?"
Beschämt schaute Anna auf die Papierhaufen. Meine Geschwister waren einfach in allem viel schneller, da konnte ihnen keiner etwas vormachen.
"Hier!" Anna gab mir den größten Papierstapel. "Diese Sachen haben bis nächste Woche Zeit! Die kannst du problemlos am Wochenende erledigen."
Ich legte den Stapel in eine Schublade und hoffte, ihn nicht zu vergessen. Dann machte ich mich an die Aufgaben für den nächsten Tag.
"Wie ist es für dich so in der Schule?"
"Ganz okay!"
"Nick hat gesagt, die meisten Jungs scheinen total auf dich zu stehen."
"Nick sagt viel, wenn der Tag lang ist."
"Also kommst du damit klar?"
"Bis jetzt noch. Ich weiß nicht, wie es in den nächsten Tagen läuft, aber ich versuche das Beste daraus zu machen!"
"Du könntest dich auch zu uns setzen!"
"Danke, aber es ist meist einfacher, alleine zu sitzen."
"Okay. Ich lasse dich jetzt mal in Ruhe Hausaufgaben machen."
Ich schnitt ihr eine Grimasse und Anna musste grinsen. Als wenn die Hausaufgaben so interessant waren.


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