Am nächsten Morgen weckte Lee mich wie immer wenn sie von einer Jagd nach Hause kamen.
"Guten Morgen!" Er saß neben mir auf dem Bett als ich vorsichtig die Augen aufschlug.
"Guten Morgen! Wie war euer Ausflug?" Ich räkelte und streckte mich um wach zu werden.
"Nicht schlecht. Ich denke, wir sind bereit für Sarah."
"Sie wird sich bestimmt freuen."
"Was habt ihr gestern gemacht?"
"Hausaufgaben! Und wir haben überlegt was wir am Wochenende machen könnten, weil wir ganz gut vorangekommen sind."
"Und zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?"
"Wir wollten dich fragen was du vor hast bevor wir genauere Pläne machen." Nachdem er nichts sagte, fuhr ich fort. "Und? Hast du was vor?"
"Naja. Isabella sagt, morgen wird das Wetter nicht so gut und wir überlegen, ob wir Ball spielen gehen."
"Hm. Und was sollen Sarah und ich dann machen?"
"Ihr könntet zuschauen!"
"Naja. Frag sie halt, wenn du meinst."
Er grinste. "Heute lernt sie erst mal unsere Familie kennen! Wenn sie das möchte!"
"Sie wird begeistert sein!"
"Beeil dich, damit du noch frühstücken kannst!"
Ich sprang aus dem Bett und machte mich für die Schule fertig.
Ich fuhr meine Geschwister heute wieder zur Schule und sah Sarah erst in Geschichte.
"Hallo Sarah!"
"Hi!" Ich saß schon auf meinem Platz, als sie kurz vorm Klingeln zur Tür hereinkam.
"Hat Lee dir schon von seinen Plänen für's Wochenende erzählt?"
"Nein! Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Warum?"
"Ach, nur so. Lass uns beim Mittagessen drüber reden." Der Unterricht begann und wir hatten keine Möglichkeit mehr uns weiter zu unterhalten.
Beim Mittagessen fragte Sara Lee, was er für's Wochenende geplant hatte.
"Wenn du möchtest, stelle ich dir heute Nachmittag meine Familie vor." Er ließ ihr noch immer die Wahl, denn sie wusste was wir waren und er wollte sie zu nichts drängen oder überreden, was ihrer Meinung vielleicht zu gefährlich für sie war. Menschen, und besonders Hexen, auch wenn sie noch nicht ausgebildet sind, haben einen unglaublichen Überlebensinstinkt. Das passiert praktisch ganz von alleine im Unterbewusstsein und hängt vielleicht auch ein wenig von der jeweiligen Stimmung ab. Aber Sarah hatte es sich mittlerweile genau überlegt. Die Neugier schien die Oberhand gewonnen zu haben und sie willigte ein.
Lee schien sich sehr darüber zu freuen. "Schön! Dann treffen wir uns nach der Schule an meinem Auto." Die Mittagspause war bereits vorbei und wir schlenderten schon wieder zum Unterricht. Die letzten beiden Stunden vergingen wie im Flug. Sarah, aber auch ich selbst, waren ein wenig aufgeregt, wie der Nachmittag bei meiner Familie wohl verlaufen würde.
Während Lee und Sarah Hand in Hand zum Parkplatz gingen war ich bereits mit meinen Geschwistern auf dem Weg nach Castle Hill. Wie gewohnt parkte ich mein Auto in der Garage und wir gingen ins Haus, wo wir mit Bree und Owen auf Sarah und Lee warteten. Vor allem Bree war sehr aufgeregt, denn als unsere Mutter freute sie sich sehr darüber, dass Lee uns endlich offiziell seine Freundin vorstellte.
Dann kamen Sarah und Lee zur Vordertür herein. Meine Familie hatte sich im Wohnzimmer versammelt. Sie stellten sich einer nach dem anderen vor, doch bis auf Isabella waren alle sehr vorsichtig und darauf bedacht, keine falsche oder schnelle Bewegung zu machen. Die ganze Situation schien ziemlich steif zu sein und in der Atmosphäre lag ein unangenehmes Knistern. Keiner wusste anscheinend so recht was er sagen sollte. Sarah war sowieso ein wenig schüchtern und für meine Familie war es nicht so einfach, einem Menschen offen gegenüber zu sein. Sie hatten sich zu lange vor allen versteckt, so gut es halt ging. Natürlich arbeiteten sie und gingen zur Schule, aber dort spielten sie ja nur ihre Rolle.
Ich wusste nicht, wie meine Brüder reagieren würden, deshalb beobachtete ich die Szene aus einem gewissen Abstand, aber mit einem Schmunzeln im Gesicht. Nach einer Weile dachte ich, ich müsste Sarah irgendwie erlösen und zog sie mit in die Küche. "Komm! Wir machen uns etwas zu essen!" Lee folgte uns kurze Zeit später. Anscheinend hatte er noch etwas mit dem Rest der Familie zu besprechen gehabt.
"Alles okay?", fragte er Sarah besorgt.
"Ja! Ich denke schon."
"Sie haben dich wirklich sehr gern, sie sind nur ein wenig schüchtern. Es ist das erste Mal, dass ein Mensch dieses Haus betritt."
Ich boxte meinen Bruder liebevoll in die Seite.
"Entschuldige!", sagte er an mich gewandt, dann widmete er sich wieder Sarah. "Der zweite Mensch! Wobei Lily ist wohl eher eine Mischung aus Mensch und Vampir!"
Ich schaute ihn skeptisch an. "Lass uns lieber das Thema wechseln! Worauf hast du Hunger?", fragte ich Sarah.
"Du brauchst nicht extra für mich etwas zu kochen!"
Ich grinste sie an. "Im Gegensatz zum Rest meiner Familie muss ich regelmäßig normale Nahrung zu mir nehmen. Also, wie wäre es mit Gemüseauflauf? Oder magst du lieber etwas mit Fleisch?"
"Nein! Gemüseauflauf hört sich gut an! Soll ich dir helfen?"
"Klar!" Ich suchte die passenden Gemüsesorten heraus und stellte sie auf die Arbeitsfläche. "Zu zweit kochen macht viel mehr Spaß!" Währenddessen setzte sich Lee an den Tisch und beobachtete uns. Auch Owen und Bree kamen zu uns in die Küche. Ich sah, dass sie schnell etwas zu Lee sagten, was ihn glücklich stimmte. Er stimmte nickend zu, jedoch konnte ich nicht verstehen, worum es ging.
"Was kocht ihr da?" Owen hatte sich neben Lee an den Tisch gesetzt.
"Gemüseauflauf! Willst du auch was?", fragte ich ihn ein wenig linkisch. Natürlich wusste ich, dass er nichts aß, aber er war ein Mann und eine dumme Frage verdiente in der Beziehung eine dumme Antwort. Sarah schaute mich verdutzt an, doch Owen überspielte es gekonnt.
"Nein danke!", sagte er grinsend, blieb dabei aber ganz ruhig. Er wusste, dass es nicht klug war, mich zu reizen. Während Sarah ruhig das Gemüse in Stücke schnitt und in eine Auflaufform füllte, rührte ich eine Soße an und goss sie darüber. Dann schüttete ich noch ein wenig Käse über den Auflauf und schob ihn in den heißen Ofen.
"Riecht gut!", meinte Sarah und Lee rümpfte die Nase. Wir räumten schnell die Küche auf und setzten uns zu den anderen an den Tisch.
Wir schauten uns eine Weile schüchtern an und schließlich brach ich das Schweigen. "Sarah ist bestimmt neugierig auf euch." Sie schaute mich direkt verdutzt an, doch ich sprach weiter, als hätte ich es nicht bemerkt. Ich hatte mir sowieso schon vorgenommen, ihr bei ihrer Ausbildung zur Hexe zu helfen. "Es wäre bestimmt nicht schlecht, wenn sie eure Geschichten kennen würde. Sie muss es ja sowieso irgendwann lernen. Da wäre es gar nicht schlecht, wenn sie direkt von euch etwas erfahren könnte."
"Darüber haben wir auch schon gesprochen", warf Owen ein. "Wir beantworten dir gern deine Fragen, Sarah!"
"Öhm, ... ich möchte nicht unhöflich sein", begann sie ein wenig verblüfft und immer noch schüchtern "aber ich muss zugeben, interessieren würden mich eure Geschichten schon."
Owen hatte ein freundliches Gesicht. Anscheinend waren sie ihr gegenüber aufgeschlossen. "Lily hat wohl Recht, du musst unsere Geschichten sowieso irgendwann lernen, da ist es bestimmt hilfreich, wenn du von unseren persönlichen Geschichten erfährst. Wir würden uns freuen, sie dir zu erzählen."
Ich versprach Sarah, ihr später alle Fragen genau zu beantworten. Sie brauchte erst einmal nur den Geschichten lauschen.
Owen begann, ihr die Geschichte unserer Familie zu erzählen. "Dir muss klar sein, Sarah, dass wir in gewisser Weise Monster sind, die normalerweise Menschen auf grausame Weise töten. Wir haben uns aber für ein anderes Leben entschieden. Wir töten keine Menschen, manche von uns haben das noch nie in ihrem Leben als Vampir getan. Wir stammen von den Stegoni Benefici ab, einer italienischen Vampir-Familie, die sich ausschließlich von Tieren ernährt. Wir sind sehr schnell und stark. Unsere Haut schützt uns wie ein Panzer aus Stein. Viele Vampire leben einzeln oder in sehr kleinen Gruppen. Doch die von den Stegoni Benefici haben sich schon oft als Familien zusammen geschlossen. Wir nehmen an, dass es daran liegt, dass wir nur Tierblut zu uns nehmen. Es macht das zusammenleben sehr viel einfacher.
Aber außer den Monstern gibt es bei uns kaum Magie. Es ist hautpsächlich die Stärke, die Schnelligkeit und unser Aussehen, was uns vielleicht manchmal magisch erscheinen lässt. Einige von unser werden zwar mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, aber das ist, so viel ich weiß, noch ein wenig anders als bei Hexen. Aber da wird dir Lily später bestimmt noch mehr erzählen.
Es gibt Vampire die Stärker sind, vor allem die, die Menschenblut trinken, aber der Zusammenhalt der Familie gibt uns zusätzliche Kraft. Ich denke, es hat schon einige Vorteile." Er machte eine kurze Pause. "Ich hoffe, ich habe euch nicht den Appetit verdorben. Wenn ihr möchtet, kommt doch nach dem Essen in mein Arbeitszimmer, dann erzähle ich euch meine Geschichte."
Sarah schwieg. Sie hatte anscheinend einiges zu verarbeiten.
"Danke für dein Angebot!", sagte ich zu Owen. "Ich denke, wir werden darauf zurückkommen!" Ich versuchte so freundlich wie möglich zu sein. Natürlich hatte ich ihn sehr gern, aber er war halt ein Mann. Theoretisch schon einmal eine gute Voraussetzung für mein Beuteschema und es war schon eine ganze Weile her, seit ich hinter einem Opfer her war. Aber ich konnte mich beherrschen. Ein anderer Duft stieg mir in die Nase und ich nahm den Auflauf aus dem Backofen.
"Essen ist fertig!"
Bree und Owen zogen sich zurück, während Lee uns weiterhin Gesellschaft leistete.
"Alles in Ordnung?", wollte er von Sarah wissen.
"Ja!" Sie schauten sich kurz an und Sarah hatte auch wieder ein Lächeln im Gesicht. Wahrscheinlich war sie nur sehr nachdenklich gewesen.
"Du musst dir heute nicht alle Geschichten anhören, wenn du nicht möchtest", sagte ich zu ihr. "Und wenn du Fragen hast, beantworte ich sie dir natürlich gerne!"
"Nein! Ich würde die Geschichten sehr gerne hören. Das ist alles ziemlich aufregend, finde ich. Und Fragen habe ich bestimmt!"
Wir aßen in Ruhe und Sarah ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen.
Nach dem Essen gingen wir in Owens Büro, um uns seine Geschichte anzuhören. Ich kannte zwar schon alle ihre Geschichten, aber sie waren für mich immer wieder interessant.
Teil 21
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