Mittwoch, 4. Januar 2012

Die Vampirhexe - Teil 24

Meine Geschichte
"Hallo Lily!" Sarah begrüßte mich vorsichtig als wenn sie nicht ganz sicher war, ob sie Angst vor mir haben sollte.
"Hi Sarah!", begrüßte ich sie strahlend, was sie anscheinend etwas beruhigte. Wir gingen ins Wohnzimmer und sie stellte mich ihrem Vater vor. Zu meiner Überraschung war er ziemlich harmlos in meinen Augen. Er hatte ein relativ reines Gewissen und war sehr nett uns gegenüber. Er würde mir wenigstens keine größeren Probleme machen.
In Sarah's Zimmer konnten wir offener sprechen und als erstes fragte sie mich, ob alles in Ordnung sei.
"Ja, na klar! Es ist alles wieder okay. Ich hoffe, ich habe dich gestern nicht zu sehr erschreckt!"
Jetzt taute Sarah wieder auf und lächelte. "Nein! Naja, nicht sehr. Ich habe mir nur Sorgen gemacht. Aber jetzt ist ja alles wieder gut!"
Ich schaute sie genau an, aber es war keine Angst mehr in ihren Augen zu sehen. "Lee sagte, du hättest ein paar Fragen?"
"Ja! Ich dachte mir, nach dem was gestern passiert ist, ob du mir nicht doch ein wenig mehr über dich erzählen könntest?"
Ich schaute sie eine zeitlang prüfend an. "Nun gut. Ich denke, du wirst deine Ausbildung zur Hexe sowieso bald beginnen, da kann ich dir auch schon mal ein paar Geschichten erzählen." Sarah lächelte aufgeregt und ich fügte schnell etwas hinzu. "Aber bedenke, dass es nicht immer ein Zuckerschlecken ist. Und meine Geschichte ist nicht gerade eine Fantasy-Romanze!"
"Okay!" Sie war sehr wissbegierig also begann ich damit ihr meine Geschichte zu erzählen. Dadurch würde sie gleichzeitig auch ein wenig über unsere Welt erfahren.
Ich habe mit Lee bei meinen Eltern gewohnt, und von klein auf eine Ausbildung als Hexe genossen, da meine Mutter und auch schon meine Großmutter Hexen waren. Es ist immer einfacher, wenn man von den eigenen Vorfahren ausgebildet wird, aber leider klappt dies nicht immer. Anders ist es aber auch nicht unbedingt schwieriger, nur muss man in kürzerer Zeit etwas mehr lernen.
Jedenfalls, ich war 15 als Lee zum Vampir gebissen wurde. Er war arbeiten um sich Geld für's Studium zu verdienen, aber an diesem Abend kam er nicht wieder nach Hause. Meine Eltern haben nie wieder etwas von ihm gehört. Und zwei Jahre später verwandelte auch ich mich.
Im Alter von 16 Jahren warb ein Mann um mich bei meinem Vater. Er gehörte zu einer relativ reichen Familie und meine Eltern hielten ihn für eine gute Partie, wie man so schön sagt. Schließlich hatte mein Vater der Hochzeit zugestimmt, als ich 17 wurde und da Frauen und besonders Töchter in dieser Zeit nicht viel zu sagen hatten, musste ich mich dem Willen meines Vaters fügen. Aber eigentlich habe ich diesen Mann nicht geliebt.
Anfang Dezember haben wir geheiratet und in der Hochzeitsnacht zeigte er sein wahres Gesicht. Er nahm sich, was er wollte, zerriss mein wunderschönes Brautkleid und schlug mich grün und blau. Ich war so wütend aber ich war ihm ausgeliefert. Niemand konnte meine Schreie hören und ich konnte mich nicht gegen ihn wehren.
Ich dachte, ich wäre in einem Albtraum gefangen und würde nie wieder aufwachen. Irgendwann wünschte ich mir den Tod. Ich sehnte mich praktisch danach. Ich versuchte, nicht mehr zu atmen, keine Schmerzen mehr zu spüren, die er mir zufügte.
Dann, nach einer Weile, verlor er das Interesse. Er ließ mich einfach auf den kalten Steinen einer abgelegenen Scheune liegen. Wahrscheinlich dachte er, ich wäre tot, denn ich traute mich nicht mehr, mich zu bewegen, geschweige denn zu atmen.
Plötzlich hörte ich einen schrillen, markerschütternden Schrei in der Nacht. Erst wunderte ich mich, wer diesen Schrei heraus brachte, dann merkte ich, dass ich es war, die so schrie.
Ich schrie alles heraus. Meine Scham, meinen Schmerz und schließlich meine Wut. Letztendlich machten Wut und die Gier nach Rache ein männermordendes, unsterbliches Monster aus der vorher menschlichen Hexe. Ich spürte, wie meine Reißzähne wuchsen und sich gleich darauf das Gift bildete.
Das alles geschah nur durch meine Wut und ich wusste schon, wer mein erstes Opfer sein würde.
Noch bevor der Tag anbrach machte ich mich auf den Weg zu meinem Ehemann. Ich wusste, er würde noch schlafen, betrunken und erschöpft von der Hochzeit. Aber ich dachte mir, das wäre mein größter Vorteil ihm gegenüber. Ich schlich in sein Schlafzimmer und stellte mich vor sein Bett. Ich wollte unbedingt sein ängstliches Gesicht sehen, wenn er mich in meinem verdreckten und zerschlissenen Brautkleid erblickte. Doch als er mich sah, lächelte er mich nur an und dachte, ich hätte noch nicht genug. Bis er genauer hinsah und mörderische Wut in meinen Augen erkannte. Sie hatten sich damals schon durch das Gift verändert und waren Pechschwarz als ich vor ihm stand.
Ich stürzte mich wie eine verrückte auf ihn und bekam seinen Hals zu fassen. Ich biss zu und erst da wusste ich, dass ich nicht tot war. Ich konnte mich wehren und, was für mich noch viel wichtiger war seitdem, ich konnte mich an allen Männern rächen, die ihre Frauen falsch behandelten! Es war ein gutes Gefühl, welches ich nicht mehr verlieren möchte!
Nachdem ich meine Geschichte beendet hatte starrte Sarah mich erschrocken an. "Alles in Ordnung?", fragte ich besorgt. "Ich wollte dich nicht erschrecken!"
"Nein! Alles okay."
"Bist du sicher?"
"Ja!" Sie versuchte zu lächeln und es gelang ihr sogar wieder ein wenig.
"Erzählst du mir jetzt auch deine Geschichte?"
"Hm. Willst du die lange oder die kurze Version?
"Gerne die lange Version, wenn du möchtest."
Doch als sie nicht reagierte versuchte ich es noch einmal. "Bitte, Sarah! Es wäre sehr wichtig. Ich werde es auch niemandem weiter erzählen, wenn du es nicht möchtest. Auch Lee braucht nicht unbedingt etwas zu erfahren. Aber während der Ausbildung können Dinge passieren oder zum Vorschein kommen, wo es hilfreich wäre, dass wir beide deine Vergangenheit kennen!"
"Es ist eine lange Geschichte! Und sie ist nicht gerade schön!"
"Lass dir soviel Zeit, wie du brauchst. Ich bin bei dir und das wird sich nicht ändern!"
Sie drückte mir ein Buch, ihr Tagebuch, in die Hand und begann mit ihrer Geschichte.


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